Sommer, Herbst, Winter

Saša Novak

Die Bäume hingen voller kleiner roter Früchte. Hin und wieder pflückte er eine, betrachtete sie aufmerksam und schüttelte den Kopf.

„Wieder nichts. Ich habe schon dreimal bei der Behörde angerufen. Aber dort heißt es nur, dass das nicht ihre Zuständigkeit sei“, schimpfte er, während er weitere Früchte abriss und sie zwischen den Fingern aufbrach. „Ja, wessen denn sonst? Vielleicht meine?“

Sanja ging hinter ihrem Vater her und murmelte leise vor sich hin. Vermutlich hörte er sie gar nicht – sein Hörgerät trug er nur höchst ungern.

Selbst im Schatten der üppigen Baumkronen brannte die Sonne erbarmungslos. Die Obstbäume waren schon seit geraumer Zeit nicht mehr fachgerecht zurückgeschnitten worden.

„Und wenn das irgendeine Krankheit ist, die sich auf alle Obstgärten in der Umgebung ausbreitet?“, fuhr er fort. „Wer trägt dann die Verantwortung? Etwa ich? Nein! Die dort! Diese unfähigen Leute!“

Vor Aufregung begann seine Stimme zu zittern.

Plötzlich wurde er still.

„Vielleicht sollte ich wirklich alles mit diesem starken Spritzmittel behandeln. Pepi hat doch bestimmt noch welches gegen Schädlinge.“

Er blieb vor einem Baum stehen, zog einen Ast zu sich herab und starrte lange auf die Früchte. Wieder pflückte er eine und zerdrückte sie zwischen den Fingern. Dunkelroter Saft rann über die tiefen Falten seiner Hände.

„Aber wer soll das dann noch essen?“

Er wartete keine Antwort ab.

„Ich jedenfalls nicht. Verkaufen könnte ich das Obst dann auch nicht mehr. Man kann die Leute doch nicht einfach vergiften. Aber was für ein Schaden das ist! Erinnerst du dich? In einem Jahr haben wir fast zwei Tonnen geerntet. Das war damals ein Vermögen!“

Für einen Moment schwieg er.

Dann sagte er mit trotzigem Nachdruck:

„Nein. Ich werde die Bäume ausreißen. Dann ist endlich Ruhe.“

„Und wenn du sie einfach stehen lässt? Vielleicht wird es nächstes Jahr wieder besser“, versuchte Sanja vorsichtig.

Er sah sie ungläubig an.

„Bist du denn verrückt? Mit Hubschraubern und Drohnen kontrollieren sie heute alle landwirtschaftlichen Flächen. Wenn nicht alles ordentlich gemäht und gepflegt ist, bekommst du eine astronomische Strafe aufgebrummt.“

Er schnaubte verächtlich.

„Dieses Pack.“

Mit einer hastigen Bewegung riss er die letzte Frucht vom Ast und schleuderte sie hinunter ins Tal.

Als Sanja mit dem Auto auf den Hof fuhr, der unter einer dicken Schicht herabgefallener Walnussblätter lag, bot sich ihr ein seltsamer Anblick: Das Garagentor hing nicht mehr in den Angeln, sondern lehnte schräg an einem Baum.

Wie immer warteten ihre Mutter und ihr Vater vor dem Hauseingang auf sie.

Schon während der Fahrt hatte Sanja nach einem Gesprächsthema gesucht, das den Vater von seinem üblichen Schimpfen über dies und jenes ablenken könnte. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass er sie mit Klagen empfing – einmal über die Nachbarin, die ihm angeblich das Obst stahl, dann wieder über ihre Mutter, die ihm absichtlich ein kaltes und geschmackloses Mittagessen vorsetzte. Es fand sich immer ein Anlass.

Manchmal gelang es ihr, ihn mit einer Frage auf andere Gedanken zu bringen. Heute jedoch musste sie zunächst erfahren, was mit dem Garagentor geschehen war.

„Es war ein Einbruch“, begann er ohne jede Begrüßung. Dann senkte er die Stimme und sah sich misstrauisch um.

„Und ich weiß auch, wer es war.“

„Papa …“

Sanja versuchte, ihn in den Arm zu nehmen.

Ungeschickt entzog er sich ihrer Umarmung und ging ins Haus.

Die Mutter hob nur kurz die Schultern und umarmte stattdessen ihre Tochter.

„Der Nachbar“, sagte der Vater. „Er war es.“

„Möchtet ihr zuerst eine Kleinigkeit essen oder lieber einen Kaffee?“, fragte die Mutter rasch und trat hinter ihren Mann. Während sie sprach, warf sie Sanja unruhige Blicke zu.

„Ich weiß das ganz genau“, fuhr er verschwörerisch fort. „Seit Wochen hat er meinen Lamborghini im Auge.“

Er machte eine kurze Pause.

„Mit seiner alten Klapperkiste schafft er den Hang doch gar nicht mehr.“

Seine Stimme wurde immer leiser.

„Nachts hat er das Garagentor aufgehebelt, um ihn zu stehlen.“ Aber wahrscheinlich ist ein Auto vorbeigekommen. Deshalb musste er alles stehen und liegen lassen.“

Nun klang er plötzlich traurig.

*

„Das Tor blieb einfach dort am Baum liegen. Und ich … ich kann es natürlich nicht allein wieder einhängen.“

„Soll ich Kaffee machen?“, versuchte die Mutter erneut.

„Jetzt hör endlich mit deinem Kaffee auf! Siehst du denn nicht, dass wir uns unterhalten?“

Seine Schärfe ließ den Raum für einen Augenblick erstarren.

Sanja wandte sich lächelnd an ihre Mutter.

„Ich hätte sehr gern einen Kaffee.“

Doch die Mutter rührte sich nicht.

Mit verschränkten Armen blieb sie hinter ihrem Mann stehen und blinzelte ihrer Tochter eindringlich zu.

Jetzt verstand Sanja.

Mit jedem Zwinkern schien ihre Mutter ihr sagen zu wollen: Glaub ihm nicht.

Sanja erwiderte den Blick mit einem kaum merklichen Lächeln.

Die Mutter nickte erleichtert und ging in die Küche.

Kaum hatte der Vater erneut Luft geholt, um weiterzureden, fiel ihm Sanja ins Wort.

„Etwas wollte ich dich schon lange fragen.“

Er blickte sie überrascht an.

„Wo seid ihr als Kinder eigentlich zur Schule gegangen?“

Für einen Augenblick wirkte er verwirrt, als müsste er einen bereits gefassten Gedanken wiederfinden.

Dann hellte sich sein Gesicht auf.

„Ach, das war damals gar nicht so einfach. Der Schulweg war sehr weit. Anderthalb Stunden zu Fuß. Erst durch den Wald, dann zwischen den Weinbergen hindurch. Und im Winter, wenn viel Schnee lag, konnten wir manchmal überhaupt nicht zur Schule gehen.“

*

Die Winter auf ihrem Hof waren stets lang und eintönig. Die Natur ruhte, doch er fand keinen Schlaf. Und deshalb ließ er auch seine Frau nicht schlafen.

Mit jedem Besuch wirkte das Ehepaar immer erschöpfter. Sanja hatte das Gefühl, als zögen sich beide immer weiter in sich selbst zurück.

Sie suchte nach Lösungen in einem System, das keine Antworten bot. Die große Entfernung zur Hausärztin ihres Vaters – fast hundert Kilometer – hatte dazu geführt, dass er einer Diagnose jahrelang ausweichen konnte.

Bei jedem Besuch musste Sanja hilflos mitansehen, wie ihr Vater die Welt um sich herum neu ordnete.

In seinem eigenen Universum war er der uneingeschränkte Herr.

Nur noch wenige Menschen durften darin einen Platz einnehmen.

Und irgendwann gehörte selbst Sanja nicht mehr dazu.

Seine Sprache wurde zunehmend grob, bisweilen sogar vulgär.

Seine Wut entlud sich in immer heftigeren Szenen und eskalierte schließlich bis zur erhobenen Faust.

Einen Augenblick lang verharrte sie in der Luft.

Dann sank sie langsam wieder herab und hing beschämt an seinem Körper.

Die Nachbarn kamen nicht mehr vorbei.

Auch Freunde blieben aus.

Selbst das Telefon klingelte immer seltener.

Seiner Frau warf er vor, sie wolle ihn loswerden und versuche, ihn zu vergiften.

Das Glas Wasser, das sie ihm zusammen mit seinen Medikamenten brachte, schüttete er immer häufiger weg und füllte stattdessen selbst frisches Wasser ein.

Schlüssel verschwanden.

Einmal konnten sie den Keller nicht mehr betreten.

Dann blieb die Garage verschlossen.

Ein anderes Mal die Terrassentür.

„Die Menschen sind böse“, sagte er.

„Sie stehlen wie die Elstern.“

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:

„Sie nehmen die Schlüssel mit, damit sie später leichter ins Haus einbrechen können.“

Daraufhin verriegelte er die Türen seiner Festung und achtete sorgsam darauf, dass nichts hinausgelang und niemand Unbefugtes eindrang.

Nach außen hin schien sich das Leben in dieser selbstgewählten Abgeschiedenheit einigermaßen beruhigt zu haben.

Doch in seinem Kopf tobte der Krieg weiter.

Ein Krieg zwischen zwei Welten.

Oder drei.

Oder hundert.

Welten in den verschiedensten Farben.

Und in jeder einzelnen verwandelten sich die Menschen nach und nach in Feinde.

Auch Sanja.

Vor allem aber ihre Mutter.

Der Kreis wurde immer enger.

Eines späten Winterabends fand Sanja auf ihrem Handy eine Nachricht ihrer Mutter:

„Er erkennt mich nicht mehr. Er jagt mich aus dem Haus. Er droht mir. Bitte ruf ihn an. Sag ihm nicht, dass wir miteinander gesprochen haben.“

Sanja fröstelte.

Während sie darauf wartete, dass ihr Vater abhob, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Vor ihrem inneren Auge zogen die Ereignisse des vergangenen Jahres vorbei – all die kleinen Vorzeichen, die längst angekündigt hatten, dass sich etwas Schlimmeres anbahnte.

Als er schließlich ans Telefon ging, klang seine Stimme verzweifelt.

„Hier ist eine Frau im Haus“, sagte er. „Sie behauptet, sie sei meine Ehefrau. Aber sie ist nicht meine Frau.“

Er sprach hastig weiter.

„Sie zeigt mir ihren Personalausweis. Sogar das Foto. Aber das ist nicht meine Frau. Meine Frau kenne ich doch.“

Seine Stimme begann zu zittern.

„Ich weiß nicht, wie ich sie aus dem Haus bekommen soll.“

Jetzt war er dem Weinen nahe.

Seine Welt war aus den Fugen geraten.

„Ich kann nicht mehr“, stöhnte er leise.

Nach langem Zureden gelang es Sanja schließlich, ihn zu beruhigen.

Er erklärte sich damit einverstanden, die fremde Frau nicht mitten in der Nacht hinauszuschicken. Er erlaubte ihr, im Wohnzimmer auf dem Sofa zu übernachten.

„Morgen sehen wir weiter“, sagte er.

Mit dieser Lösung konnte er sich schließlich abfinden.

Am nächsten Morgen rief Sanja im nächstgelegenen Zentrum für psychische Gesundheit Erwachsener an.

Die Psychiaterin hörte schweigend zu.

Wahrscheinlich machte sie sich währenddessen Notizen.

Keine Stunde später bog ein Rettungswagen auf den verschneiten Hof ein.

Gerade hatte es aufgehört zu schneien.


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